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Spielfilm Maria Magdalena

Der atmosphärisch stimmige und auf weiten Strecken meditativ wirkende Spielfilm (2017) inszeniert die überzeugende Hauptfigur gleich zu Beginn in einem familiär bedingten Geschlechtsrollenkonflikt gefangen. Zwar wird das die biblische Überlieferung von selbst so nicht hergeben. Es ist aber insofern konsequent, weil an anderen Stellen der Evangelienüberlieferung sehr wohl etwas von patriarchalisch-repressiver Struktur sichtbar wird, zu der die Jesusbewegung eine deutliche Alternative darstellte. Der Film erzählt die jesuanische Geschichte konsequent aus der Perspektive der Maria: sie emanzipiert sich nicht nur mithilfe der Begegnung mit Jesus von einengenden Erwartungen (wie auch in anderen Nachfolgegeschichten bringt das die Trennung von der Herkunftsfamilie mit sich), sondern sie weist Jesus auch auf die Frauen als Teil seiner Bewegung hin. Wohltuend hebt sich der Film ab von bisherigen schwülstig-erotischen Verdächtigungen einer Liebesbeziehung zwischen ihr und Jesus. Dazu wirkt der Jesusdarsteller hier aber (bewußt?) auch einfach zu spröde, dass sich das Publikum so etwas bei ihm vorstellen könnte. Mit Marias Perspektive werden biblische Handlungsmotive z.T. auch leicht abgewandelt oder nur angedeutet. Dass die Filmemacher auch das gnostische, nur noch als Fragment zugängliche “Evangelium der Maria” zu Rate zogen, macht sich bemerkbar. Viele neuere Hypothesen der Bibelauslegung sind in die Art der Darstellung eingearbeitet, z.B. das ehrenwerte Motiv des Judas, mit seinem Verrat Jesus endlich zu endzeitlich-militärischen Eingreifen zu bewegen. Stattdessen erleben wir einen Heiland, den seine heilerischen Kraftakte erschöpfen und der mit müder Traurigkeit zu kämpfen hat (wobei Maria eine tröstend-ermutigende Rolle zugedacht wird). Das Reich Gottes spielt Maria als die “inwendige”, geistige eines Sinneswandels aus, und das wird nicht nur der politischen Erwartung des Judas, sondern auch einem handfesten Kirchenbegriff des Petrus (gezeigt als kerniger Afrikaner) entgegengesetzt. Unterrichtlich lässt sich abgesehen von der Genderthematik mit dem Film gut zur Herausforderung jesuanischer Eschatologie (Reich Gottes präsentisch oder futurisch- “inwendig in euch” / “mitten unter euch” / “unmittelbar bevorstehend”) arbeiten. Maria steht für die an Jesus orientierte Botschaft einer zukünftigen Kirche, die auf Gewalt verzichtet. Die gründliche Arbeitshilfe von filmwerk.de (dort auch Erwerb der Bildungslizenz, Presseheft) legt den Schwerpunkt auf Filmanalyse und Vergleich mit (biblisch)-literarischer Traditionsvorlage und liefert viele weiterführende Arbeitshinweise. Auch die Stifung Lesen bietet ein attraktives Unterrichtsheft an. Die epd-Filmkritik ermutigt uns am Ende unabsichtlich mit der “Frage, ob »MARIA MAGDALENA« nur ein sehr gut einsetzbares religionspädagogisches Medium ist oder auch ein heute überzeugendes Filmkunstwerk.” (wieso eigentlich “nur”?)

Michael Beisel

Pfr. Michael Beisel ist Studienleiter für Medienpädagogik am Religionspäd. Institut der Evang. Landeskirche in Baden und begutachtet Medien für den Evang. Religionsunterricht am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. Er erstellt gerne interaktive Lernbausteine, auch mit h5p sowie digitales Unterrichtsbegleitmaterial zu Filmen für den RU ("Albert Schweitzer - ein Leben für Afrika", "Hitlerjunge Salomon", "Avatar - Aufbruch nach Pandora", "Quarks & Co: Was wir über den Glauben wissen", "Was glaubt Deutschland?" (Planet Schule), "Gezeichnete Seelen" (Planet Schule)

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