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“Wir werden über Religion wieder mehr lernen müssen” – Bundesminister fordert Kenntnis und Verständnis von Glaube und Religion

Sieben Aufgaben für Staat und Gesellschaft“ lautet der Titel der Grundsatzrede, mit der Bundesminister des Innern Dr. Thomas de Maizière zur Eröffnung des 2. Zukunftskongress Migration und Integration am 20. September 2016 im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in Berlin eröffnete.

In seinem 4. Punkt äußert sich der Bundesminister zur Bedeutung und Aufgabe der Religionen:

Aus der Rede:

4. Vierter Punkt:

Wir müssen erkennen, dass Religionen eine große Bedeutung haben, und dass auch Religionen und Religionsgemeinschaften in einer großen Verantwortung stehen

 

” In Deutschland erlagen viele in den letzten Jahren oder Jahrzehnten vielleicht einem Denkfehler: Wir dachten, die Bedeutung von Religion für das Zusammenwirken und Zusammenleben von Menschen nehme ab. Wir haben auf unser Land geschaut – unser säkularisiertes Land – und haben gedacht, die große christliche Erzählung ist für viele nicht mehr so wichtig. Was wir aber vielleicht zu wenig sahen, ist, dass überall auf der Welt die Bedeutung von Religion gerade nicht abnahm. Jetzt rede ich nicht nur über die arabische Welt – schauen Sie mal auf Südamerika. In vielen Teilen der Welt stieg sie sogar weiter an. Wir haben die Bedeutung von Religion unterschätzt. Auch bei uns. Durch die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind, werden wir neu von religiösen Fragen berührt und damit werden wir umgehen müssen. Wir werden über Religion wieder mehr lernen müssen, um alle Teile unserer Gesellschaft mindestens mal zu verstehen. So wäre es nicht schlecht, wenn die Bürgerinnen und Bürger eine Idee davon bekämen, dass zwischen Sunniten und Schiiten ein gewisser Unterschied besteht.

Wir werden uns deshalb auch mehr mit uns – und wer es kann, auch mit seinem eigenen Glauben – beschäftigen müssen. Wir sollten uns wieder mehr dafür interessieren, woher einige unserer Traditionen eigentlich kommen. Von den zu uns kommenden Menschen verlangen wir Neugier – das habe ich gerade erwähnt. Wir wollen, dass sie uns Fragen stellen, was zum Leben in Deutschland gehört. Wir wollen, dass sie unsere Traditionen und Lebensweise akzeptieren und verstehen. Sind wir aber alle in der Lage, diese Fragen zu beantworten? Können wir einem Syrer, der uns fragt, genau erklären: Was ist der Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus? Könnten wir genau erklären, was der Sinn kirchlicher Feiertage ist? Könnten wir erklären, warum wir es für richtig halten, dass wir ein sehr hohes Maß an kirchlichen Feiertagen haben, was gegenüber anderen europäischen Staaten vielleicht eher ein Wettbewerbsnachteil ist, und warum wir das für sinnvoll und richtig halten, außer dass es gut ist für die Tourismuswirtschaft? Dafür brauchen wir eine neues Interesse und eine neue Kenntnis der Dinge, die uns zu denen gemacht haben, die wir sind.

Meine Meinung ist, dass die oft kolportierte Angst vor einer „Islamisierung“ ganz viel mit eigener Unsicherheit der eigenen Bevölkerung zu tun hat. Keiner muss in unserem Land religiös werden, wenn er es nicht schon ist. Kein Mensch muss in unserem Land in die Kirche gehen, wenn er es nicht möchte. Kenntnis und Verständnis von Glaube und Religion und den Auswirkungen schaden aber keinem und die halte ich schon für nötig. Auch die Muslime, die seit Jahren in unserem Land leben, haben hier eine große Verantwortung. Wir haben tausende Moschee-Vereine in Deutschland. Sicher fühlt sich dort eine große Mehrheit mitverantwortlich dafür, dass die Integration der muslimischen Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in unserem Land gelingt. Aber es sind nicht genug. Ich bin überzeugt: Die Integration der Flüchtlinge ist für die in Deutschland lebenden Muslime eine Riesenchance, allen zu zeigen, dass die Integration nur gemeinsam funktionieren kann. Und wenn sie sich daran nicht beteiligen, wird es für die Akzeptanz des Islam in Deutschland viel schwieriger. Das ist eine Chance und eine Aufgabe und ein Risiko für die bisher in Deutschland lebenden Muslime.”

Die gesamte Eröffnungsrede können sie hier herunterladen.

Jörg Lohrer

Leitungsteam rpi-virtuell am Comenius-Institut Münster. Kontakt: Mail, Twitter

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