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Wie Gott uns schuf – Coming out katholischer Religionslehrkräfte

100 Gläubige unter Ihnen etliche Religionslehrkräfte outen in sich in einer Investigativ-Recherche im Auftrag von rbb, SWR und NDR und berichten von ihren Erfahrungen als queere Menschen in der katholischen Kirche. Nachfolgend einige Transkriptionen und Interviews der Religionslehrkräfte und was sie in ihrem Kontext besonders bewegt.
Darüber hinaus gibt es die komplette Dokumentation und alle Interviews mit Priestern, Ordensbrüdern, Gemeindereferentinnen, Bistums-Mitarbeitenden, Religionslehrer*innen, Kindergärtner*innen, Sozialarbeiter*innen und vielen mehr hier in der Browser-Version der ARD Mediathek.
Zeitgleich geht der Zusammenschluss unter dem Namen “Out in Church” online an die Öffentlichkeit. Sie erzählen vom Kampf um ihre Kirche.

Lisa Reckling – Religionslehrerin, Goch

Mein Name ist Lisa Reckling, Ich bin 30 Jahre alt und ich bin Lehrerin an einer Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung. Dort unterrichte ich unter anderem katholische Religion. Ich lebe zusammen mit meiner Frau in einem kleinen Dorf am Niederrhein. Für meinen Beruf als Lehrerin im Fach katholisch Religion brauche ich die Missio Canonica. Um die Missio Canonica zu erfüllen, brauche ich bestimmte Vorgaben. Ich brauchte das Schreiben von einem Priester, der über mich berichtet und ich musste auch verschiedene Kurse belegen, sowas wie Exerzitien. Und dann muss ich unterschreiben, dass ich die die Vorgaben der katholischen Kirche, dass ich so lebe und dass ich dem zustimme. Ich musste zum Beispiel zustimmen, dass ich so mit meiner Partnerschaft lebe, wie es in der katholischen Kirche gewünscht ist: Nämlich entweder als Frau alleine oder verheiratet mit meinem Partner. Damit habe ich natürlich gelogen, aber ich habe es trotzdem gemacht. Ich konnte gut ausblenden, was ich eigentlich da unterschrieben habe, sondern für mich stand im Fokus, dass ich dieses Fach unterrichten darf und dass mir das unfassbar viel Spaß und Freude bereitet.
Ich gehe mit meiner Beziehung und auch mit, ja mit meiner Ehefrau, total offen um, weil ich mir einfach denke: Ich habe nichts zu verstecken und es ist etwas Schönes, dass ich eine Frau habe und dass ich glücklich bin. Warum sollte ich das verstecken? Das würde keiner wollen und Gott würde das schon gar nicht wollen, dass ich das verstecke und deshalb gehe ich da auch offen mit mit um, weil natürlich kann mir die Missio Canonica entzogen werden und damit auch die Erlaubnis katholische Religion zu unterrichten; trotz alledem denke ich, dass es wichtig ist sein Gesicht zu zeigen seine Stimme zu erheben und zu sagen dass wir da sind und dass ich da bin.
In meinem schulischen Alltag und auch in meinem Religionsunterricht spielt meine sexuelle Orientierung eigentlich keine Rolle. Meine Schülerinnen und Schüler wissen, dass ich eine Frau habe und für die ist das total normal. Ich würde mir von der katholischen Kirche wünschen, dass die katholische Kirche endlich anerkennt und merkt und sieht, wie bunt sie ist, was es für viele Menschen gibt, die Kirche stark machen und die Kirche leben, die lebendige Gottesdienste feiern die sich in der Jugend- und Verbandsarbeit engagieren. Ohne uns und ohne den Großteil der Kirche, ohne einen Großteil der Menschen in der katholischen Kirche, würde die Kirche nicht mehr wirklich existieren.

Lisa Reckling – Religionslehrerin, Goch | ARD-Mediathek

Religionslehrer, anonym

Ich bin 38 Jahre alt und unterrichte am Gymnasium unter anderem katholische Religion mit großer Leidenschaft und Freude. Ich bin nebenbei auch Kirchenmusiker mit ebenso großer Leidenschaft und Freude. Ich bin schwul und habe seit acht Jahren einen Partner obwohl ich Religion unterrichte. Ich bin bei der Arbeit ungeoutet und auch in der Dorfgemeinde weiß niemand, dass ich schwul bin, damit ich nicht erpressbar bin. Das führt dann auch dazu, dass ich privat kaum näheren Kontakt zu meinen Kollegen habe, damit möglichst auch nicht nachgefragt wird. Meine sexuelle Orientierung beeinträchtigt mich schon sehr, vor allem im gesellschaftlichen Leben, in dem ich mich auf keinen Fall mit meinem Partner zeige, zumindest nicht im Umfeld meiner Arbeit. Man ist immer auf der Lauer, schaut sich immer um. Wir haben sogar ein Geheimzeichen. Beim Bummeln durch die Stadt geht er mit drei Metern Abstand, falls ein Schüler oder Kollege gesehen wird. Ich bin froh, dass er sich auf sowas einlässt. Es ist schon ein Dauerzustand aber kein angenehmer. Wenn ich mich an der Schule outen würde, würde die Schulleitung das wahrscheinlich an das Bistum melden und unser Chef arbeitet sehr korrekt in diesen offiziellen Bereichen. Ja, dann würde ich meine Missio verlieren. Ich dürfte nicht mehr katholische Religion unterrichten, was mir aber eigentlich sehr am Herzen liegt aus, tiefer Überzeugung. Als Religionslehrer möchte ich eigentlich den Schülern helfen auch über dieses Thema der sexuellen Orientierung zu sprechen. Ich kann aber nicht mit diesem Thema auf die Schüler zugehen, weil ich dann immer auch Angst habe, zu viel von mir selbst preiszugeben. Ich habe in gewissen Sinne schon zwei Identitäten. Man verinnerlicht das irgendwie. Man kann schon irgendwie damit leben, aber man spürt selbst, dass es ungesund ist auf Dauer.

Religionslehrer, anonym

Rut Neuschäfer, Religionslehrerin, Essen

Ich arbeite als katholische Religionslehrerin, bin 33 Jahre alt, lebe in Essen und ich bin lesbisch. Im Studium habe ich auch einen Kommilitonen getroffen der schwul war und sagte, er muss sich das erst mal überlegen, ob er das Studium durchziehen möchte. Und zu dem Zeitpunkt dachte mir noch: “Stell dich nicht so an”. Aber es hat sich für mich tatsächlich dann geändert, als ich im Referendariat festgestellt habe, ja, ich stehe wirklich auf Frauen und auch nur und das ist auch das was meine Zukunft ist auch partnerschaftlich-mäßig und dann hat sich für mich die Frage gestellt: Möchte ich das durchziehen oder nicht? Ich hab’s dann doch durchgezogen. Und dann war auch für mich ganz lange die Frage: Oute ich mich vor meinem Schulleiter? Sage ich dem vorher, vielleicht auch schon im Bewerbungsgespräch: “Übrigens kann passieren dass…”. Ich hab mich dagegen entschieden. Ich hab es ihm bisher noch nicht persönlich gesagt, weil ich mir auch denke: Eigentlich ist das meine Privatangelegenheit. Ich finde es sehr schwierig, für das System Kirchen zu sprechen, da mich das System Kiche nicht so akzeptiert werde, wie ich bin. Das fällt mir vor allem dann auf, wenn tatsächlich das Thema Sexualität, Partnerschaft, Liebe ein Thema im Religionsunterricht ist. Da hatte ich jetzt letztes Jahr eine Klasse bei der ich das thematisieren sollte und ich hab dann erst mal beschlossen ein anderes Thema zu machen, weil ich für mich selber erst mal klar machen musste, wie möchte ich über dieses Thema sprechen. Ich hab mich dann entschieden auch Sachen zu kritisieren weil ich auch finde es gehört zu einem guten Religionsuntericht dazu, dass die Jugendlichen in die Lage versetzt werden, Dinge kritisch zu hinterfragen. Ich finde es zunehmend schwieriger, zu sagen, ich bleibe am Ball und ich bleibe dabei, weil ständig wieder Kommentare kommen und Bemerkungen kommen, bei denen ich mir denke: Das geht gar nicht. Und andererseits denke ich mir aber auch, ich möchte die Kirche nicht den radikalen Kräften überlassen und es wäre eigentlich auch zu einfach zu sagen: Ich möchte mit dem ganzen Laden nichts mehr zu tun haben.

Rut Neuschäfer, Religionslehrerin, Essen

Maik Schmiedeler – Religionslehrer, Münster

Also grundsätzlich besteht jeden Tag die Gefahr, dass eine Meldung gemacht wird, dass ich in einem “irregulären” Lebensverhältnis mit einem Mann wohne oder lebe und dass das dann von den kirchlichen Stellen geprüft wird.

Maik Schmiedeler – Religionslehrer Münster

Marie Kortenbusch, Religionslehrerin im Ruhestand, Lüdinghausen

Ich war in meinem aktiven Berufslebenn ja zum einen Religionslehrerin und d.h. dass ich eine bischöfliche Beauftragung hatte, die nennt man Missio Canonica und dann war ich gleichzeitig noch in einem kirchlichen Beamtenverhältnis, einem beamtengleichen Verhältnis und deshalb ist es für mich so, wegen dieser beiden Dinge, dass für mich die Loyalitätsverpflichtungen gegenüber der Kirche sehr streng sind und auch noch im Ruhestand gelten. Und deshalb hatte ich die Angst, wenn ich jetzt heirate, was er ein öffentliches Bekenntnis auch zu unserer Liebe, zu unser Partnerschaft ist, dann könnten die Pensionsansprüche in Gänze oder in Teilen mir aberkannt werden. Und in der Vorstellung dass eine von uns jetzt stirbt, war es mir dann doch wichtig, so dieses letzte Risiko einzugehen aber auch besonnen und natürlich irgendwie so sicher wie möglich und deshalb haben wir heimlich geheiratet.

Marie Kortenbusch, Religionslehrerin im Ruhestand, Lüdinghausen
Standardbild
Jörg Lohrer
Artikel: 816

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