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Digitalität und Pandemie

Veröffentlicht von Jörg Lohrer am

Anfragen an Schule im Wandel – Perspektiven für zeitgemäßen RU

Religionslehrer Ferdi Lüttig veröffentlicht seine Gedanken zur “Digitalität und Pandemie” und wünscht sich Resonanz und Rückmeldung

In der Zeit der Pandemie und der Notwendigkeit eines Distanzlernens hat digitalgestütztes Lernen unerwartetes Tempo erfahren. Der didaktische Fokus hierbei richtet sich weniger auf „Digitalisierung“ mit Fragen der Technik und des Datenschutzes, sondern auf eine „Kultur der Digitalität“, die im Kern auch nach zeitgemäßer Bildung mit neuer oder neu reflektierter Lern- und Schulkultur fragt. Auch für den Religionsunterricht stellt sich die Frage, was der Wandel durch Digitalität und Pandemie für zeitgemäßes Lernen bedeutet.

1. Anfragen an Lern- und Schulkultur im Zeitalter der Digitalität

Meine Anfragen aus pädagogischer und didaktischer Perspektive haben exemplarischen Charakter. Sie dienen z.B. als Grundlage für Steuerungsprozesse in der Unterrichtsentwicklung, um vor Ort die Ausrichtung des Lernens unter den Bedingungen der Digitalität zu vereinbaren. Besondere Relevanz erhalten sie, weil Digitalität oft als „Verstärker“ bestehender Entwicklungen wirksam ist:
1. (Wie) kann eine Kultur der Digitalität entwickelt werden?
2. (Wie) werden mentale und körperliche Gesundheit gefördert?
3. (Wie) werden Respekt, Empathie, Vertrauen und Solidarität gestärkt?
4. (Wie) kann Bildungsgerechtigkeit gefördert werden?
5. (Wie) werden kreative Gestaltungsmöglichkeiten und kritisches Denken ermöglicht?
6. (Wie) werden soziale Kompetenzen durch Kommunikation und Kollaboration angezielt?
7. (Wie) werden fachlich anspruchsvolle und komplexe Inhalte nachhaltig erschlossen?
8. (Wie) werden projektartige Lernformen und eine Ermöglichungsdidaktik gestaltet?
9. (Wie) werden Heterogenität, Individualisierung und Selbststeuerung berücksichtigt?
10. (Wie) kann eine neue Lernkultur auch den Blick auf eine neue Prüfungskultur eröffnen?

Perspektive: Ein zeitgemäßer RU orientiert sich an einer Kultur der Digitalität.

2. Theologische Anfragen im Zeitalter der Digitalität

Zur biblisch-christlichen Anthropologie gehört fundamental der Aspekt der Gottebenbildlichkeit: Der Mensch ist in seiner Personalität mit Würde, Freiheit und Verantwortung ausgestattet. Verantwortung impliziert die Achtung der Würde und der Freiheit aller Menschen. Anfragen: Wie kann der digitale Gestaltungsprozess mit Chancen und Gefahren durch eine christlich intendierte Achtsamkeit begleitet werden? Soll und kann das (von Gott geschenkte) Person-Sein ein Kriterium für Entscheidungsprozesse in der digitalen Transformation sein? Wie kann man Schülerinnen in ihrer Personalität, in ihrer Urteilskraft, in ihrem Selbstbewusstsein stärken? Kann Unterricht so gestaltet werden, dass Schülerinnen Autor*innen des eigenen Lebens sind? Wird Bildung insgesamt als Prozess der Selbstkonstruktion verstanden?

Perspektive: Zeitgemäßer RU orientiert sich an der Personalität der Schüler*innen.

3. Anfragen an Schule im Zeitalter der Pandemie

Eine nicht zu unterschätzende Vulnerabilität aufgrund der Coronakrise bei Kindern und Jugendlichen wird allmählich deutlich: Physische Gewalteinwirkungen auf Kinder lesen sich in den Kriminalstatistiken der Pandemiezeit erschreckend, psychische Belastungen und Zukunftsängste lassen nicht weniger dramatisch eine „Fernbeziehung mit dem Leben“ offenbar werden. Klar ist, dass Selbstwerdungsprozesse von Schüler*innen deutlich beeinträchtigt sind. Anfragen: Ist Schule also mehr denn je als Ort der Krisenbewältigung gefordert? Kann Schule das leisten? Steht der RU hier in besonderer Verantwortung?

Perspektive: Zeitgemäßer RU orientiert sich an der Vulnerabilität der Schüler*innen.

4. Fazit und Ausblick

Ein zeitgemäßer RU unter den Bedingungen der Digitalität und der Pandemie sollte die drei skizzierten Anfragen und Perspektiven in den Fokus rücken: In einer Kultur der Digitalität sollte er Schülerinnen in ihrer Personalität, konkret in ihren Selbstwerdungsprozessen stärken!
Wie kann zeitgemäßer RU diesem Ansatz gerecht werden?
1.) Durch die Beziehungsebene: In und nach der Pandemie werden Schülerinnen noch mehr Zuwendung, Nähe und Wertschätzung benötigen. Ein achtsamer Umgang ist gefragt!
2.) Durch die Wahl der Inhalte: Z.B. tiefenpsychologische Auslegungen von Glaubensgeschichten, die korrelationsdidaktisch mit Selbstwerdungsprozessen der Schülerinnen kontextualisiert werden können – etwa zu Abrahams Exodus; oder z.B. Heilungsgeschichten, die von Vulnerabilität und der Hoffnungsperspektive eines AufgerichtetWerdens erzählen, etwa die gekrümmte Frau in LK 13.
3.) Durch didaktische Settings: Das eigenverantwortliche und selbstgesteuerte Lernen ist gerade jetzt unverzichtbar, damit Schülerinnen sich auch beim Lernen als Autorinnen des eigenen Lebens wahrnehmen. Entsprechende Erfahrungen aus dem Distanzlernen sollten künftig ein wegweisender Faktor bei der Wahl der Lernformen sein. Überzeugend sind Gestaltungsaufgaben im Projektlernen, die nicht bei fiktiven Anforderungssituationen, sondern – konstruktivistisch konsequent – bei den Fragen und Perspektiven der Schülerinnen selbst ansetzen sowie in zeitgemäßen Lernformaten Kreativität, eine hohe Individualisierung und intensive Reflexionsanlässe ermöglichen:

Mit Padlet erstellt

Dieses Beitrag und das darin enthaltene Material wird unter der Creative Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0)“ veröffentlicht. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de Als Autor sollte Ferdi Lüttig @FerdiLuettig genannt werden.

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  • 3: Bildrechte beim Autor | CC 0

Jörg Lohrer

Leitungsteam rpi-virtuell am Comenius-Institut Münster. Kontakt: Mail, Twitter

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