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“Mustang” – Mädchen wollen frei sein

Die Schwestern suchen zusammen Trost

Sommer an der türkischen Schwarzmeerküste. Lale und ihre vier Schwestern wachsen nach dem Tod der Eltern bei ihrem Onkel auf. Als sie nach der Schule beim unschuldigen Herumtollen mit ein paar Jungs im Meer beobachtet werden, wird das zum Skandal. Ihr als schamlos angesehenes Verhalten hat dramatische Folgen: Das Haus der Familie wird zum Gefängnis, Benimmunterricht ersetzt die Schule und nun werden Ehen arrangiert. Doch die Fünf  – Selma (Tuğba Sunguroğlu), Nur (Doğa Zeynep Doğuşlu), Ece (Elit İşcan), Sonay (İlayda Akdoğan) und Lale (Güneş Nezihe Şensoy)  – wollen Freiheit . Sie beginnen, sich gegen die ihnen auferlegten Grenzen aufzulehnen. (nach: weltkino.de)

Frei sein ist wichtig

Die fünf jugendlichen Hauptdarstellerinnen sind wie Wildpferde, die man vergebens einzusperren versucht – der Filmtitel bringt die Dynamik zwischen Freiheitsdrang und rigider patriarchal-traditioneller Sozialordnung treffend zum Ausdruck. In Erdoğans Türkei muß  das mutige Erstlingswerk der französisch-türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven (2015) als brisantes politisches Statement verstanden werden – erstaunlich bleibt, dass es lt. Vorspann durch das türkische Kulturministerium gefördert wurde.

Insofern die Verletzung der Menschenrechte von Frauen in der ländlichen türkischen Heimat mit vielen empörenden Einzelheiten deutlich und plausibel vorgeführt wird, kann der Film von konservativen Teilen der hiesigen Migrantinnen- und Migrantenkultur kaum als harmlos verstanden werden. Er könnte angesichts der aktuellen Rückkehr zu traditionellen Werten und massivem Nationalismus als Provokation wirken.

Lale schneidet sich die Haare
Lale (Güneş Nezihe Şensoy) schneidet sich die Haare

Dabei sind die Bilder des Films keine Pamphlete, sondern durchaus von (bewundernswert langhaariger) Schönheit, von zarter Intimität –  und von einer Wahrnehmungsgabe für lebendige emotionale Entwicklung und geschwisterliche Solidarität geprägt. Zurecht bekam der Film das FBW-Gütesiegel “Besonders wertvoll”. Szenen, die einen familiären Missbrauchshintergrund erahnen lassen, müssen unterrichtlich aufgegriffen werden. Die Lehrkraft muss den Umgebungskontext ihrer Schülerinnen und Schüler gut kennen, wenn sie diesen Film unterrichtlich einsetzt. Es empfiehlt sich in jedem Fall, (wenn vorhanden) Türkeistämmige aus der Schulgemeinschaft einzubeziehen und ihnen im Filmgespräch Gelegenheit der Äußerung zu geben.

Gerade im Religionsunterricht ist bei diesem Film darauf zu achten, nicht über Betroffene zu reden, sondern nur mit ihnen. Allein die überkommene Sozialordnung, und nicht die Religion wird hier als ursächlich für Unrecht an Mädchen und Frauen wahrnehmbar.

Das Unterrichtsbegleitmaterial von “Kino & Curriculum” (in der für die Bildung lizensierten Fassung enthalten, beziehbar über filmsortiment.de ) bietet nützliche Hintergrundinformationen und Ansätze für die Behandlung im Unterricht im Sinne der Filmbildung und von Sacherschließungen.

Bildquellen:

Michael Beisel

Pfr. Michael Beisel ist Lehrkraft für Evang. Religion am Beruflichen Bildungszentrum Ettlingen.

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