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Vater vieler Völker – Urheberrechtsgrenzen überwinden

Abraham – Ibrahim – Avraham… drei Namen aus drei Weltreligionen, aber nur eine Gestalt, die sich dahinter verbirgt: ein Mann mit Ecken und Kanten, mit menschlichen Schwächen und Wünschen. Ein Mann, der sich -auf eine bessere Zukunft hoffend- aufmacht; und diese, wenn es von ihm verlangt wird, doch immer wieder riskiert. Er muss sich oft entscheiden, geht bis an seine Grenzen und ist bereit, auch diese – egal wie viel sie ihm bedeuten!- zu überwinden und neu zu denken. Dafür segnet ihn Gott: Er wird Vater vieler Völker – Segen aller Menschen!

Wo finde ich Medien für einen zeitgemäßen Religionsunterricht?

Wie fast alle Religionslehrkräfte liebe ich meinen Beruf: Mit spannenden Themen wie diesem, die so lebensnah und alltagstauglich sind, kann ich die meisten Schüler begeistern. Dabei gehöre ich in Religion zu den privilegierten Lehrern, die durch BYOD im Unterricht ausprobieren können. Ich experimentiere und kombiniere; ich mische produktive, handlungsorientierte und analytische Ansätze, mit analogen und digitalen Methoden. Meine Schüler basteln, zeichnen, malen, schreiben und präsentieren ihre Ergebnisse mit Hilfe digitaler Möglichkeiten – sie nutzen das beste der analogen und digitalen Welt. Sie nutzen ihre Freiräume dafür, Ideen zu entwickeln und umzusetzen. ABER immer wieder ist es äußerst schwierig für meine Art von Unterricht die passenden Materialien zu finden.

Die Verlage produzieren textlastige Arbeitsblätter, die oftmals nicht nur mich sondern auch meine Schüler langweilen. Lehrbücher provozieren teils beim bloßen Anblick Ablehnung und töteten die Lust ab, sich mit Abraham auseinander zu setzen. Zielführende Inhalte und Abbildungen sind vielleicht vorhanden, aber Urheberrechte behindern eine flexible Handhabung und engen ein.

OER – Open Educational Resources – Eine Lösungsmöglichkeit

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Materialien dürfen kopiert, vervielfältigt und je nach Lizenz sogar verändert werden. “Herrlich”, dachte ich, wenngleich ich einen Auffrischungskurs bezüglich CC-Lizenzen und Anbieterportalen brauchte. Zur schnellen und effizienten Auffrischung stehen diverse Infografiken – wie diese von Martin Mißfeldt– online zur Verfügung.
Die Materialien sind oftmals ansprechender als so manches Lehrbuch der Verlage. Außerdem sind die OER kostenfrei, was wichtig ist, da es weder Lehrern noch den Schülern und ihren Familien uneingeschränkt zugemutet werden kann, immer Geld zu investieren, um ansprechenden Unterricht zu gestalten. OER sind frei verwendbar und frei zugänglich, technisch auf dem neuestem Stand, frei veränderbar und oft thematisch hochaktuell. Sie unterstützen außerdem offenes Lernen der Schüler, da sie den Zugriff vieler, zur gleichen Zeit erlauben und so neue Formen der Zusammenarbeit entstehen können. “Fantastisch”, dachte ich mir auch im Hinblick dieser Argumente und fing an passende Materialien für meine Zwecke zu suchen.

Die Suche beginnt

Während meiner Recherche wurden mir die Tücken von OER vor Augen geführt: Ich verlor mich in einer Flut an Materialien, ohne passende Bilder für meine Arbeit zu finden. Prof. Dr Eva Matthes bezifferte die Gesamtmenge der freien Materialien auf ca. 900 000, wobei die Dunkelziffer bei weitem höher liegen soll. Diese Materialien sind unübersichtlich verstreut und nicht systematisiert, was einen Umgang mit OER erschwert. Zudem sind es unterschiedlichste Anbieter, die OER – nicht nur für Religionsunterricht!- produzieren: aufgeklärte Kirchen, engagierte Pfingstgemeinden, methodisch versierte Fachleute, engagierte Laien, gemeinnützige Vereine, kommerzielle Organisationen sowie die durch öffentliche Gelder unterstützte Bundeszentrale für politische Bildung und die Lobby großer Unternehmen.

Mehr und mehr hinterfragte ich die Vertrauenswürdigkeit vieler Materialien, da mir bewusst wurde, wie sehr professionelle Layouts und aufwendige Illustrationen kommerzielle oder ideologische Absichten verschleierten. Wollte ich das wirklich in meinem Unterricht haben? Und viel schlimmer: Ich kann aufgrund meiner Ausbildung und meines Wissens ideologische Absichten und wirtschaftliche Interessen in Religionsmaterialien durchschauen. Aber was ist mit meinen fachfremden Kollegen in Religion? Die haben oftmals gar keine Fakultas und können vielleicht gar nicht abwägen, was als vertrauenswürdig einzustufen ist?

Dr. Maren Seiko, Projektverantwortliche im Verband Bildungsmedien, konstatierte zu Recht in einem Video unter biklTV, dass auch Qualitätssicherung durch Spezialisten ihren Preis habe. Und auch Wolf-Rüdiger Feldmann, der stellvertretende Vorsitzender des Verbandes für Bildungsmedien, bekräftigte diese Einschätzung (ebd) und argwöhnte, ob die OER Genehmigungen und Qualitätskontrollen umgehen, die notwendig für qualitativ hochwertige Bildungsarbeit in Schulen und der Sicherung von Standards seien. Diese Einschätzung treffen einen wunden Punkt in OER: Qualitätstandards sind bei OER nicht gesichert und eine kontrollierende und die Qualität garantierende Instanz gibt es nicht. Entsprechend dieser Erkenntnis bedarf es einer Schulung von Lehrkräften darin, qualitativ hochwertiges Material einschätzen zu können oder die Ausweisung und Sammlung vertrauenswürdiger OER an einem Ort, der eine Kontrollinstanz besitzt und somit die Qualität der OER sicher stellt. Dies wäre wohl eine mögliche Aufgabe der Kultusministerien, Behördern und / oder Bildungseinrichtungen. Leider hat aber auch Prof. Dr Eva Matthes mit ihrer Einschätzung Recht, dass das Kultusministerium und seine Behörden sich auf dem Markt wenig auskennen und daher eher wenig für den adäquaten Umgang mit OER gerüstet sind und den Lehrern wenig Hilfestellungen zur Verfügung stellen.

Aber welche Alternative habe ich dann? Arbeitsblätter und Lehrbücher habe ich für meine Ansprüche verwerfen müssen. OER ist zwar oftmals verlockend und von der Idee hervorragend, aber Sichtung und Prüfung erweisen sich als schwierig, wenngleich viele Rohdiamanten in der Materialflut verstreut sind.

Mein Fazit

Ich nutze die Vorteile von OER und besinne mich auf das Wesentliche. Kompetenzvermittlung steht im Zentrum meiner Arbeit und wird von mir verlangt. Im Umgang mit OER nutzte ich – wie dargelegt!- die grundlegendsten Kompetenzen der heutigen Zeit: kritische Prüfung, um Intentionen zu durchschauen. Angesichts der vielen diffusen, fehlerhaften und qualitativ und intentional zweifelhaften Materialien gelangte ich zu der Einsicht: Meine Schüler brauchen kritische Reflektionsfähigkeit. Nicht Wissen, sondern Kompetenz rückt in den Vordergrund – prüfen anstatt glauben! Ich schärfte meinen Schülern ein, keiner Quelle mehr zu vertrauen und immer zu überprüfen. Unter dem Motto: “Vertraut nicht Frau Wenisch!”, lesen sie nun die Geschichten des Vaters vieler Väter wie sie in den heiligen Schriften aus Judentum, Christentum und Islam stehen, finden Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede und überprüfen meine Darstellung der Geschichten in den Comics, die ich mit der Testversion eines Comic-Dienstes (http://www.storyboardthat.com ), bereits fehlerhaft erstellt hatte.

Meine Erfahrung aus der Praxis zeigt: Schülerinnen und Schüler erkennen fachkundig welche Religion welcher Darstellung in den Comics Pate standen; woher besondere Charakterzüge der Protagonisten stammen. Meine Schüler sind gut! Sie lesen kritisch, finden viele Fehler und lassen sich nicht täuschen. Sie verbessern mich kompetent und überführen mich gnadenlos. Sind sie damit fertig, zeigen sie mir, wie man richtig mit den Geschichten des Vaters vieler Völker umgeht! Auch sie machen sich auf den Weg, überwinden Grenzen, experimentieren, probieren aus und mischen. Sie geben sich Feedback und reflektieren dabei kritisch – immer im Dialog miteinander, mit mir und mit ihren Eltern. Meine Intention dabei ist durchschaubar: Durchschauen die Kinder meine mit Mängeln gespickte aber visuell doch recht ansprechend gestaltete Darstellung, werden sie bald auch in der Lage sein, andere zu durchschauen, die sie manipulieren wollen, und das ist genau die Kompetenz, die ihnen – hoffentlich!- zum Segen wird.

friederike.wenisch

Lehrerin am Gymnasium Altona - Religion/ Deutsch - #BYOD - #digiHH - #hamburg - #digitalebildung auf Twitter @FrauWenisch

Ein Gedanke zu „Vater vieler Völker – Urheberrechtsgrenzen überwinden

  • 11. Mai 2017 um 12:08
    Permalink

    Vielen Dank für den ermutigenden Beitrag!

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